Forum

Erhebt euch. Seit nicht Still. Sucht nach Betroffenen und Unterstützt einander.

Gestartet von Papa Lino. Letzte Antwort von Maria Mae Jun 2. 2 Antworten

papalino.forte@gmail.comHallo liebe Leute, danke das ihr da seits.Um mich, meine Familie und meine Kinder zu schützen möchte ich ein bisshen Bedeckt bleiben. Aber für euch werde ich mich öffnen, und…Fortfahren

Jugendamt verschleiert Beweise und handelt Unrecht

Gestartet von Andreas Tuschek. Letzte Antwort von Maria Mae Jun 2. 18 Antworten

Sehr geehrte Damen und Herren,wir hätte hier eine Angelegenheit, welche die Medien sehr interessieren könnte. Eine Angelegenheit, wo Kinder im Spiel sind und auch darin das Jugendamt durch falsche…Fortfahren

Tags: Kindsentzug, Obhut, Jugendamt

Hunger Strikes

Gestartet von joe jons. Letzte Antwort von jiandan0955 4. Dez 2020. 1 Antwort

Hello,In Delanshar, they are arrested and thrown in jail. Once in a cell they are allowed no contact with media, family or anyone, and then they are given no food until they die. In other words: they…Fortfahren

Väter ohne Rechte

Gestartet von Robert. Letzte Antwort von jiandan0955 4. Dez 2020. 7 Antworten

Ich bin Vater einer 2 Jährigen Tochter und habe mich von der Kindesmutter getrennt, da sie erneut an Bolimie erkrankt ist!Nun ist es so,dass das Jugendamt nichts dagegen unternimmt! Die Kindesmutter…Fortfahren

Texte Dr. E. Bergmann Richter aD Rechtsanwalt Reydter Modell I

Ernst - Elmar Bergmann, Richter am Amtsgericht / PD Dr.Günter Rexilius, Dipl.Psych.

Das Rheydter Modell - ein aktueller Ansatz in der familienrechtlichen Zusammenarbeit zwischen Richter und psychologischem Sachverständigen

Wenn wir von Rheydter Modell sprechen, sind wir eine Erklärung schuldig. Die inzwischen größere Zahl von Modellen gerade in der richterlichen oder sachverständigen Arbeit im Familienrechtsverfahren hat uns bewogen, dieses Etikett aufzugreifen, in der Gewißheit, daß unsere Arbeit nicht exklusiv ist, sondern daß es inzwischen eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen gibt, die ähnlich arbeiten und auch eine ähnliche Zusammenarbeit zwischen rechtlicher und psychologischer Ebene pflegen. Wir können und wollen auf dieses Konzept der familienrechtlichen Kooperation keinen Urheberschutz anmelden, sondern darstellen, in welcher Weise wir uns seit vielen Jahren auf den Weg einer Veränderung unserer Verstehens- und Handlungsmuster begeben haben. Das Etikett “Modell” läßt sich dennoch rechtfertigen: Wir versuchen, die bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse über die familienrechtliche Kooperation - diametral entgegengesetzt der “(un)heiligen Allianz zwischen Richter und Sachverständigem”[1] zu einer Form zu verdichten, die wir nicht unbedingt als exemplarisch für andere KollegInnen betrachten, aber doch als Anregung für Diskussion und Weiterarbeit.

Wir werden zunächst die theoretischen und methodischen Grundlagen unserer Modellskizze und dann diese selbst darstellen.

I. Erwartungen des Richters an die Zusammenarbeit mit dem psychologischen Sachverständigen in familiengerichtlichen Verfahren

 

In Sorgerechts- und Umgangsregelungssachen geht es nicht um Tatsachen, über die normalerweise bei Gericht durch Sachverständigengutachten Beweis erhoben wird, also z. B. ob ein PKW mangelhaft repariert wurde, ob ein Bauwerk fehlerhaft gebaut ist oder nicht. In den familiengerichtlichen Verfahren geht es um die Ausfüllung eines zentralen und auch eines abstrakten Begriffes, nämlich den des Kindeswohls. Die Tätigkeit des Familienrichters ist dem Kindeswohl in überwiegendem Maße verpflichtet und ist herzuleiten aus Art. 6 Abs. 2 S. 2 GG, nämlich dem Wächteramt des Staates über das Grundrecht und die Pflicht der Eltern zur Pflege und Erziehung ihrer Kinder.

Daß in den familienrechtlichen Verfahren häufiger der psychologische Sachverständige auftaucht, ist eigentlich zur begrüßen. Die Frage des Kindeswohls ist nämlich nicht grundsätzlich zunächst eine Frage der Juristen, sondern eine Frage der familiären Beziehungen. Welches ist für dieses spezielle Kind in diesem speziellen Fall mit diesen speziellen Eltern die Lösungsmöglichkeit , die dem Interesse und dem Wohl dieses Kindes am ehesten gerecht wird, diese Frage steht zur Diskussion.

In sehr vielen Fällen wird zur Beantwortung dieser Frage das Jugendamt eine Schlüsselrolle einnehmen, es ist vom Gesetzgeber auch als Schlüsselbehörde angesehen worden. Das ergibt sich insbesondere aus den §§ 17, 18  SGB VIII. Das Gericht hat in jedem streitigen Fall eine Stellungnahme des Jugendamt einzuholen( §§ 49, 50 FGG  ), welches seinerseits die Eltern zu beraten und zwischen ihnen zu vermitteln hat. In vielen Fällen sind die Fronten jedoch so verhärtet, daß ein Sozialarbeiter dieses nicht zu leisten vermag. Er ist überfordert, auch angesichts der bekannten schweren Arbeitsbelastung der Jugendamtsmitarbeiter, eine entsprechende einvernehmliche Lösung mit den Eltern zu erarbeiten. In dem Wissen, daß eine fremdbestimmte Regelung von Menschen nicht besonders gut angenommen wird, sondern daß es wichtig ist, eine eigenverantwortliche Regelung zu erarbeiten, ist der Richter gehalten, auf eine gütliche Regelung hinzuzuarbeiten. Dies ergibt sich schon aus § 279 ZPO. Häufig ist auch der Richter mit einer solchen Vermittlungsarbeit überfordert, insbesondere, da er keine systematische Ausbildung für diese Tätigkeit hat[EB1] .Dafür wird die Mithilfe des psychologischen Sachverständigen benötigt.

Der psychologische Sachverständige wird allerdings nicht dafür gebraucht, um dem Richter die Entscheidung leichter zu machen. Die Entscheidung soll für den Richter durchaus schwer sein, er soll sie sich auch schwer machen. Der Gesichtspunkt der Beschwerdesicherheit einer Entscheidung darf für den Richter keine wesentliche Rolle spielen, obwohl zuzugeben ist, daß auch dieses u. U. ein Kriterium ist, welches zur Befriedung der Eltern beitragen kann. Der psychologische Sachverständige soll vielmehr dazu beitragen, und das sind die Erwartungen, die an den Psychologen zu stellen sind, zunächst mit den Parteien zu versuchen, unter Einsatz seines Sachverstandes eine Regelung zu finden, in Anwendung des § 279 ZPO. Dieses kann allerdings nicht gesehen werden unter dem Gesichtspunkt einer Therapie. Menschen zu therapieren kann und darf nicht Aufgabe eines gerichtlich bestellten Sachverständigen sein

Zu berücksichtigen ist, daß der psychologische Sachverständige zweierlei haben muß, er muß zum einen eine integrative Fähigkeit haben und zum anderen muß er, falls eine einvernehmliche Lösung nicht vorliegt, so vorgehen, daß das Gericht seine Entscheidung auf seiner Tätigkeit aufbauen kann. Das muß den Parteien auch stets genau vermittelt werden, es handelt sich also nicht um unverbindliche Plaudereien mit dem Sachverständigen, sondern die Tätigkeit des Sachverständigen muß zielorientiert sein.

II.  Die Tätigkeit des Sachverständigen

In der familienrechtlichen Begutachtung hat sich in den letzten zwanzig Jahren allmählich und vorsichtig, aber kontinuierlich und praktisch wirksam, ein Paradigmenwechsel vollzogen. Obwohl dieser Begriff inzwischen inflationär verwendet wird, läßt er sich in Bezug auf forensische psychologische Tätigkeit zu Recht verwenden, weil die paradigmatischen Veränderungen sich aus der inhaltlichen und methodischen Orientierung an einem idiografischen Wissenschaftsmodell ergeben und - die der Wissenschaftssystematik entsprechende andere Seite “der Medaille” - eine Verabschiedung von der Anbindung an ein nomothetisches Wissenschaftsverständnis bedeuten. Dieser Griff zum Paradigma einer historisch, subjektiv und hermeneutisch begründeten Wissenschaft - im Gegensatz zu einem dem Status quo verpflichteten, objektiv und experimentell fundierten - führt zu einem grundlegend veränderten Verständnis der gutachterlichen Aufgaben, der Tätigkeit eines psychologischen Sachverständigen und der Ziele, die er erreichen will und kann.

Die theoretischen und methodischen Grundlagen der sachverständigen Arbeit, wie ich sie darstellen und erläutern werde, stützen sich auf neuere theoretische und methodische, aber auch rechtliche und rechtspolitische Erkenntnisse und empirische Ergebnisse.[2] Wer als Psychologe[3] heute zum gerichtlichen Sachverständigen bestellt wird, könnte und dürfte, befände er sich auf der Höhe der Zeit seiner eigenen Wissenschaft und der juristischen Forschung und Praxis, nicht anders als zeitgemäß im Sinne des neuen Paradigmas arbeiten. Im Konjunktiv liegt die Wahrheit: Überwiegend wird auch heute psychologische Arbeit im Familienrecht - wie in Vormundschafts- und Pflegesachen - konservativ betrieben, als wäre die Zeit vor dreißig Jahren für viele psychologische Gutachter stehengeblieben. Die Tatsachen, daß ihre Hochschulausbildung ihnen kein anderes Wissen vermittelt und daß die meisten Familien- und Vormundschaftsrichter ausschließlich an dieser wissenschaftlich überholten, aber ihnen geläufigen sachverständigen Zuarbeit interessiert sind, erklärt diesen Anachronismus nur unzulänglich, weil die wissenschaftliche Literatur wie die Diskussionen auf Kongressen und Tagungen in den letzten Jahren hinreichend Möglichkeit geboten haben, auf- und nachzuholen.

Weil die konservative gutachterliche Tätigkeit nach wie vor den familien- und vormundschaftsrechtlichen Alltag beherrscht, soll versucht werden, den ausweisbaren Kontrast zwischen beiden zur vergleichenden Veranschaulichung einer zeitgemäßen sachverständigen Tätigkeit zu nutzen. Es wird deshalb zunächst anhand von sieben Kriterien das alte, anschließend anhand derselben Kriterien das neue Paradigma dargestellt und bewertet.[4]

1. Gutachterliche Tätigkeit: klassisches, methodenzentriertes, nomothetisches Modell[5]

Klassisch wird die gutachterliche Tätigkeit genannt, die sich an einem nomothetischen Wissenschaftsverständnis orientiert und eine Begutachtung von Menschen zur Folge hat. Sie orientiert sich im Prinzip an den Regeln objektiver wissenschaftlicher Arbeit, von denen eine besondere Bedeutung die methodischen Grundlagen - zumeist in Gestalt psychodiagnostischer Verfahren - und die Subjekt-Objekt-Beziehung zwischen Untersucher und Untersuchten - klare Definition der Rolle des Untersuchers als neutral, objektiv und die Verfahrensregeln bestimmend - haben.

1.1 Theoretische Basis

Theoretisch stützt sich die klassische Gutachtertätigkeit auf psychologische Ansätze, die ein reifes Alter erreicht haben - was grundsätzlich nicht gegen sie spricht - und in die keine neuen Ideen und Ansätze integriert worden sind. Bezüglich der Trennungs- und Scheidungsfolgen für Kinder beziehen sich viele psychologische GutachterInnen nach wie vor auf den Klassiker der einschlägigen Literatur von Goldstein, Freud & Solnit (1974), für die - zugespitzt auf ein besonders praxiswirksames Argument der Autoren - nach der Trennung eines Paares die Kinder bei einem Elternteil leben und bis in ihr Erwachsenenalter hinein zu dem anderen den Kontakt möglichst abbrechen sollen. Diese Position, so virulent sie noch ist, hat ihre Berechtigung, von Einzelfällen abgesehen, längst verloren, weil das psychologische Wissen sie überholt hat. Andere Standardwerke der Gutachtertätigkeit - vor allem der familienrechtlichen - wurden vor Jahrzehnten etwa von Lempp (1974, 1984) verfaßt oder von Arntzen (1980, 1988) u.a.. Neuere Arbeiten wie etwa die von Westhoff & Kluck (1994), die den Anspruch erheben, der Gutachtertätigkeit eine solide wissenschaftliche Basis zu geben, entbehren jeder theoretischen Substanz und machen aus der Arbeit der psychologischen GutachterInnen ein formalisiertes Abschreiten vorgegebener methodischer Schritte ohne gegenstandsangemessenen inhaltlichen Anker.

In Bezug auf allgemeinere theoretische Grundlagen dominiert ein entwicklungs- u. persönlichkeitspsychologisches Standardwissen über Persönlichkeitsstruktur und Entwicklungsquotient, über Intelligenzquotient und Einstellungsmuster, dem eine inhaltliche Nähe zu den Fragestellungen einer familienrechtlichen Begutachtung weitgehend fehlt. Ein für das Verständnis von Trennungsprozessen zentrales familienpsychologisches Verständnis ist nicht erkennbar, getragen werden die Gutachten von einem so klassischen wie antiquierten Rollenteilungsmodell, in dem der Vater arbeitet und das Geld verdient und die Mutter auch noch Hausfrau und gute Ehefrau sein soll, aber sonst keine Ansprüche haben darf. An die Stelle von ausgereifter und gegenstandsbezogener Theorie tritt sehr häufig eine implizite, oft genug aber auch nicht mehr verklausulierte konservative Familienideologie, deren Konsequenz die gutachterliche Abstrafung von Müttern ist, wenn sie eigene Ansprüche an Leben und Karriere haben.

Wo psychoanalytische Wissenselemente zu finden sind, beschränken sie sich auf isolierte Teile der Freudschen Struktur- oder Neurosentheorie, angereichert gelegentlich durch das entwicklungspsychologische Phasenmodell und den “Ödipuskomplex”, ohne eine auch nur grob detailgenaue Vorstellung von der ödipalen Dynamik und ihren Folgen für Persönlichkeit und Lebensgeschichte. Von Paardynamik und -entwicklung, dem wichtigsten Wissen, über das GutachterInnen verfügen müßten, wenn sie sich mit getrennten Familien befassen, finden sich - mit ganz wenigen Ausnahmen - keine Kenntnisse.

In Bezug auf die theoretischen Grundlagen klassischer Gutachtertätigkeit im familien- und vormundschaftsrechtlichen Bereich fällt das Fazit bedenklich aus: Es gibt kein - dem psychologischen Wissensstand angemessenes - spezifisches theoretisches Konzept, das gutachterlicher Tätigkeit eine notwendige wissenschaftliche Basis geben könnte. Theoretische Bezüge in psychologischen Gutachten bleiben beliebig, folgen subjektiven Vorlieben oder Interessen der Gutachter oder fehlen völlig; ihre inhaltliche Angemessenheit für die spezifischen Fragestellungen im familien- und vormundschaftsrechtlichen Verfahren bleiben unausgewiesen, eine wissenschaftliche Vergleichbarkeit psychologischer Gutachten wird damit unmöglich.[6]

1.2 Bedeutung des Kindeswohls

Das Kindeswohl, das nicht nur für die JuristInnen, sondern auch und vor allem für im Familienrechtsverfahren tätige PsychologInnen, laut Gesetz ihre Arbeit wie ein roter Faden durchziehen soll, in dessen Dienst sie sich stellen müßten, bleibt in der klassischen Gutachtenerstellung eine unbestimmte, fiktive Größe. Kindeswohl läßt sich aus einem konservativen Gutachten mit Mühe extrapolieren, aus Fragestellung und Empfehlungen deduzieren, aber es ist kein eigener Untersuchungsgegenstand, für es findet sich keine klare psychologische Definition. Diese Lücke ist um so verwunderlicher, als das Kindeswohl in der gutachterlichen wie in der juristischen Literatur, aber auch in der Praxis der Begutachtung und der Rechtsprechung, das am häufigsten gebrauchte Wort ist.

Die Feststellung von Coester aus dem Jahre 1983, daß über das, was Kindeswohl ist, vor allem Unklarheit herrscht, kann heute ohne Einschränkung wiederholt werden. Versuche wie die von Jopt (1992), auf diese Absurdität, daß der zentrale Begriff  fachlichen Handelns im familien- und vormundschaftsrechtlichen Raum diffus und schillernd geblieben ist, nicht nur hinzuweisen, sondern Vorschläge zu Diskussion und Begriffsklärung zu machen, sind ohne hörbare Resonanz geblieben. Klassische Begutachtung, also der Regelfall vor deutschen Familiengerichten, weiß nach wie vor nicht, was sie genau tut, weil sie nicht weiß, was denn eigentlich ihr Gegenstand ist. So scheint es nicht übertrieben zu resümieren, daß so viele Vorstellungen von Kindeswohl sich in der Begutachtungsszenerie tummeln, wie es GutachterInnen gibt.

1.3 Aufgabenstellung für den Gutachter

Für eine konservative Auffassung von gutachterlicher Arbeit wird die Aufgabenstellung, die der Gutachter übernimmt, von der gerichtlichen Fragestellung vorgegeben. Familienrechtliche GutachterInnen sehen ihre Aufgaben denn auch darin, sich mit der Sorgerechtsaufteilung zwischen den getrennten Eltern zu befassen, sich Gedanken zu machen und dem Gericht Empfehlungen zu geben über das Umgangsrecht für den Elternteil, bei dem die Kinder nicht leben, die Erziehungsfähigkeit der Eltern zu untersuchen und - wenn der Gutachter tatsächlich einmal in psychologische Überlegungen eintaucht - den Einfluß der Eltern auf die Entwicklung ihrer Kinder zu hinterfragen.

Die Aufgabe, die der Gutachter zu lösen hat, orientiert sich rhetorisch oder förmlich am Kindeswohl, er befaßt sich allenfalls am Rande und ohne substantiellen Bezug zur Fragestellung, die er zu beantworten hat, mit Neben- und Einzelfragen der Trennungs- und Scheidungsdynamik. Die wesentlichen Themen eines Trennungsprozesses finden nur in seltenen Fällen Eingang in ein klassisches Gutachten.

1.4 Definition der Gutachter-Rolle

Der klassische Gutachter ist Gehilfe für den Richter. Die rechtlichen Voraussetzungen, die seine Funktion aus juristischer Sicht eindeutig definieren, bestimmen sein Selbstverständnis. Die Aufgabe psychologischer GutachterInnen erschöpft sich darin, ErfüllungsgehilfInnen für den beauftragenden Richter zu sein, den Status juristischer Hilfskräfte zu bekleiden. Ihre gutachterliche Arbeit bleibt fixiert auf rechtliche Fragestellungen. Zwar wird in der einschlägigen psychologischen Literatur hervorgehoben, daß PsychologInnen ihr Fachwissen einbringen und sich an ethischen Richtlinien orientieren, die vom psychologischen Berufsverband formuliert worden sind; allein die Tatsache, daß in den meisten Gutachten die entscheidenden Äußerungen und Empfehlungen sich mit dem Sorgerecht und dem Umgangsrecht befassen, demonstriert, daß die Definition der Gutachterrolle den rechtlichen Rahmen nicht verläßt.[7]

1.5 Methodik 

Konservative gutachterliche Methodik fußt auf dem klassischen Methodenkanon der Persönlichkeits-, Intelligenz- und Entwicklungsdiagnostik. Es handelt sich - viel mehr gibt das klassische Methodeninventar nicht her -  häufig um Tests, ja ganze Testbatterien, mit deren Hilfe ein Ist-Zustand der Personen und ihres Verhaltens, ihrer Persönlichkeit, ihres Entwicklungsstandes festgestellt wird. Mithilfe dieser diagnostischen Verfahren sollen Personen beschrieben, klassifiziert, ihr Verhalten und ihre Fähigkeiten sollen erklärt werden. Diese Statusdiagnostik mißt intra- und interindividuelle Unterschiede, sie erfaßt Eigenschaften oder traits oder Einstellungen der Personen - Eltern, Kinder oder andere -. Sie stellt eine instrumentelle Beschränkung auf umfangreiche objektive Diagnostik und damit eine methodische Reduktion dar, die vor allem dann deutlich wird, wenn, vom festgestellten Status quo ausgehend, eine Prognose über zukünftiges Verhalten, zukünftige Einstellungen usw. abgegeben werden. Dieser Prognosebegriff ist in fataler Weise reduktionistisch, weil er Entwicklungsmöglichkeiten, -potentiale und -chancen ausklammert. (S. zur Kritik der Psychodiagnostik Grubitzsch/Rexilius, 1978) Ein Ist-Zustand wird festgestellt, zementiert und in die Zukunft verlängert.

Das wichtigste Kriterium für die Qualität psychologischer Diagnostik ist nach wie vor ihre Objektivität, der gemäß UntersucherInnen - PsychologInnen also, die als GutachterInnen tätig sind - auf die Rolle von BeobachterInnen, von RegistratorInnen beschränkt bleiben müssen, Distanz zu den Untersuchten ist ihr Credo. Sie haben sich jeder Intervention, jeder nicht methodisch eindeutig definierten Annäherung zu enthalten.

Klassische Methodik oder Psychodiagnostik orientiert sich an vorgegebenen Normen in doppelter Weise: An gesellschaftlichen Normen, um inhaltlich repräsentativ und statistisch im Rahmen normalverteilter Ergebnisse zu bleiben; und an statistischen Normen, die kaum noch einen inhaltlichen oder gegenständlichen, also wirklichkeitsnahen Bezug haben. Wo sie doch theoretisch wird, stützt sie sich auf Begriffe, deren Definition vage ist, wie etwa Erziehungsfähigkeit, die aber eine Klassifizierung oder Bewertung von menschlichem Verhalten zu ermöglichen scheinen.

Dieses methodische Konzept verfehlt das den GutachterInnen vorgegebene Thema: Trennungs- und Scheidungsprozesse sind nicht normierbar, für ihr Verständnis und ihre fachliche Untersuchung und Beurteilung genügt kein vorformulierter methodischer Rahmen, sie entziehen sich jedem normalverteilten statistischen Parameter und jedem Versuch, sie zu standardisieren.

1.6 Die Beziehung zu den Klienten

Die Beziehung GutachterInnen und KlientInnen sind per definitionem eine Subjekt-Objekt-Beziehung. Die methodische Forderung nach Objektivität verlangt, daß die Beziehung von Neutralität und Distanz beherrscht sein soll.

Da keine Interaktion möglich ist, ohne Einfluß auszuüben und auf Situationen und Personen verändernd zu wirken, muß auch der konservative Gutachter eine wie immer geartete Beziehung zu den KlientInnen - also den Personen, mit denen er im Rahmen seiner Begutachtung zu tun hat - haben. Die scheinbare, ja fiktive Neutralität und Distanz prägen die Beziehung konservativer GutachterInnen zu ihren KlientInnen auf eine paradoxe Weise, seine methodischen Ansprüche führen den Gutachter in ein Beziehungs-Dilemma: Nicht nur die sozialpsychologischen und methodenkritischen Untersuchungen zu Versuchsleitereinflüssen, sondern jede praktische Erfahrung macht deutlich, daß der Anspruch der Objektivität, der Distanz, nicht einzuhalten ist, daß jede Interaktion auch Intervention ist. Weil der konservative Gutachter diese Tatsache aber nicht wahrhaben will, interveniert und beeinflußt er, ohne eine Kontrolle über die Wirkungen zu haben, die er ausübt. Hinter dem gutachterlichen Rücken setzt sich die Realität durch: GutachterInnen sind verstrickt in das soziale System, mit dem sie qua Auftrag zu tun haben; sie beeinflussen es und bewirken Veränderungen. Wenn die notwendige selbstgewisse oder selbstreflexive Kontrolle fehlt, entstehen notwendig Vorurteile, parteiische Bewertungen, voreingenommene Empfehlungen. Auf dieser Basis muß jedes Ergebnis der gutachterlichen Untersuchungen fragwürdig, wenn nicht falsch sein.

1.7 Ergebnisse für die Beteiligten

Entscheidend für die Einschätzung eines psychologisches Gutachtens, Grundlage für die Beurteilung seines fachlichen Wertes, sind die Ergebnisse, die seine Untersuchungsergebnisse, seine Argumentationsmuster, seine Schlußfolgerungen und seine Empfehlungen an das Gericht - Beantwortung der gerichtlichen Fragestellung - für die Verfahrensbeteiligten haben. Genau genommen können diese Ergebnisse als subjektive Gütekriterien für die Bewertung gutachterlicher Tätigkeit betrachtet werden. Deshalb kommt ihnen innerhalb des Vergleichs des klassischen mit dem lösungsorientierten Modell besondere Bedeutung zu.

GutachterInnen sind mit dem Ergebnis ihrer Arbeit zufrieden, wenn es ihnen gelungen ist, ein präzises Persönlichkeitsbild der KlientInnen zu zeichnen, wenn sie ihre Charakterstruktur treffend beschrieben, Verhaltenssequenzen gründlich analysiert und Einstellungsmuster differenziert erfaßt haben. Sie bescheinigen ihrer eigenen Arbeit eine gute Qualität, wenn ihnen die Klassifizierung, die Bewertung des Verhaltens der KlientInnen möglichst widerspruchsfrei gelungen ist. Der wichtigste Erfolg für sie  ist eine klare Empfehlung an das Gericht im Duktus der gerichtlichen Fragestellung, als Grundlage für eine gerichtliche Entscheidung, wenn sie also dem Richter vorschlagen können, wie Sorge- oder/und Umgangsrecht zukünftig geregelt werden sollen.

Für den Familien- oder Vormundschaftsrichter hat das konservative Gutachten in der Regel dann ein gutes Ergebnis, wenn er sich darauf beschränken kann, die letzte Seite mit den Empfehlungen des Gutachters zu lesen, wenn dort seine juristischen Bedürfnisse befriedigt werden. Diese Feststellung ist keine Polemik, sondern die überwiegende Realität des Umgangs von FamilienrichterInnen mit psychologischen Gutachten - ihnen genügt die Plausibilität der gutachterlichen Überlegungen, sie ersparen sich ein gründlicheres Nachdenken oder gar eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den gutachterlichen Ausführungen. Wenn das Gutachten ermöglicht, eine psychologische Vorentscheidung in juristische Form zu bringen, sind die meisten RichterInnen zufrieden, ja beeindruckt.

Für die Eltern stellt die Ergebnisfrage sich differenzierter. Eine gute Qualität hat das Gutachten nur für den Elternteil, für den der Tag der gerichtlichen Entscheidung ein Feiertag ist, weil der Gutachter ihn zum Gewinner gemacht, indem er ihm das Sorgerecht zugesprochen oder den Umgang auf seinen Wunsch hin eingeschränkt oder erweitert hat. Für den anderen Elternteil erweist sich das konservative Gutachten als Debakel, als existentieller Einbruch. Er wird vom Gutachter zum Verlierer gestempelt und landet oft in der Resignation:  Fünfzig Prozent der Elternteile, die nicht am Sorgerecht beteiligt werden oder deren Umgangsrecht rigoros eingeschränkt wird, brechen den Kontakt zu ihren Kindern völlig ab (Napp-Peters, 1985).

Das Ergebnis des konservativen Gutachtens für die Kinder ist zwiespältig. Jedes Ergebnis auf dieser Basis hat für sie eine qualitative Ambivalenz: Sie wünschen sich einerseits Ruhe, Klarheit, weniger Angst und Streß durch die Trennung ihrer Eltern, was jede Lösung, die der Gutachter vorschlägt und die das Gericht beschließt, auch in gewisser Weise bewirkt. Auf der anderen Seite bleibt der seelische Druck, ja er wächst in der Regel noch, wenn der Verlust eines Elternteils droht oder gar besiegelt ist und die Hoffnung darauf, beide Elternteile zu behalten, schwindet.

Die Darstellung des klassischen Modells der Gutachtenerstellung wird an manchen Stellen bei LeserInnen Zustimmung hervorgerufen haben, “ja, so soll es doch auch sein, so muß es sein”, werden sie gedacht und Fragwürdiges gar nicht entdeckt haben. Erst der Kontrast zu einer anderen Auffassung von psychologischer Tätigkeit im familien- und vormundschaftsrechtlichen Umfeld, zu dem, was das neue Paradigma sachverständiger Tätigkeit an Möglichkeiten, an Entlastungen, an Hoffnungen für alle am Verfahren Beteiligten birgt, könnte aus dem Kopfnicken zumindest ein fragendes Wiegen des Kopfes machen.

2. Sachverständigentätigkeit: idiografisches, handlungs- und lösungsorientiertes[8] Modell[9]

2.1 Theoretische Basis

Meine Ausführungen zur paradigmatischen Alternative konservativer Gutachtentätigkeit können sich auf eine umfangreiche und differenzierte theoretische Literatur stützen und sind empirisch gut abgesichert, nicht in einem statistischen, sondern im praktischen Sinne. Ihren theoretischen Fundus beziehen sie aus kommunikations- und interaktionstheoretischen Ansätzen, aus systemischer Theorie, aus der systemisch-strukturellen Familientherapie, aber auch aus psychologischen Theorien, die zur Dynamik sozialer Interaktion und seelischer Prozesse etwas beizutragen haben, etwa der Psychoanalyse. Es sind vor allem methodenkritische Ansätze, die sich hier versammeln, solche also, die in einer naturwissenschaftlich orientierten psychologischen Wissenschaft nicht den alleinigen, sondern einen eng begrenzten Zugang zum Verständnis und zur Veränderung menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns sehen.

 

Empirisch-praktisch kann auf die Arbeit von vielen KollegInnen verwiesen werden, die in den letzten zehn Jahren zunehmend zu der Überzeugung gelangt sind, daß ein neuer Ansatz nötig ist, um dem Thema Trennung und Scheidung bzw. den Problemen und Aufgaben, vor denen die betroffenen Menschen wie die Sachverständigen stehen, gerecht zu werden. Aufgrund der Tatsache, daß zunehmend auch Familien- und Vormundschaftsrichter erkennen, daß sie von diesem neuen Vorgehen der von ihnen bestellten Sachverständigen profitieren, und daß sie bereit sind, von angestammten, ritualisierten Verhandlungs- und Entscheidungsformen Abschied zu nehmen, entsteht eine neue Begutachtungskultur, die sich nur langsam, aber doch stetig durchsetzt. (S. etwa Jopt, aaO.; Schade & Friedrich, aaO.; Fthenakis et al., 1993, 1996; Figdor, 1997)

Diese grundsätzlichen Veränderungen machen eine neue Sprachregelung nötig, die das Selbstverständnis, den theoretischen Hintergrund und die praktische Arbeit nach dem neuen Paradigma zum Ausdruck bringen kann. Zeitgemäße Begutachtung ist keine Be-Gutachtung mehr, wie die folgenden Überlegungen zeigen werden, sie verabschiedet sich von der Vorstellung, es könnte die Aufgabe von PsychologInnen sein, über Menschen Gutachten anzufertigen wie andere Experten über Autos oder über Häuser. Handlungs- und lösungsorientierte GutachterInnen verstehen sich als Fachmann oder Fachfrau, die ihr Wissen zur Lösung eines komplexen und komplizierten Problems beitragen. Ihr Sachverstand wird angefragt, wo das des Juristen nicht ausreicht. Sie fungieren folglich als Sachverständige, die keine Gutachten schreiben, sondern Stellungnahmen über Zusammenhänge und Prozesse abgeben, in denen Menschen sich bewegen oder die sie bewegen, über ihre Geschichte und ihre Gegenwart. Zur Zukunft enthält der weise Sachverständige sich entweder einer Meinung, oder er versucht, wie ich gleich zeigen werde, sie mit den Beteiligten zu gestalten - dann hat er Grundlagen, sich über sie zu äußern, nicht in Form einer Prognose, sondern als von den beteiligten Personen getragenes und erarbeitetes Modell ihres zukünftigen Lebens als getrennte Familie.

Die Ausführungen zur theoretischen Basis sind etwas umfangreicher, weil das theoretische Wissen die Stärke des Sachverständigen ist; diese Akzentverschiebung von der Methodik zur Theorie ist bedeutend, weil sie die Voraussetzungen schafft für einen  hermeneutischen methodischen Ansatz, der das systematische Verstehen von menschlichen Besonderheiten, von inneren seelischen  Vorgängen und äußeren sozialen Prozessen, wichtiger nimmt als die Erhebung von teststatistischen, mathematisch faßbaren Parametern. Einige der wichtigsten theoretischen Versatzstücke sollen kurz angerissen werden, als theoretische Basis,  die sich auf drei Pfeiler stützt, die kurz dargestellt werden sollen.

2.1.1 Notwendige theoretische Bausteine sachverständigen Wissens

 

Zu den wichtigsten theoretischen Baustein psychologischer Sachverständigentätigkeit im Familien- und Vormundschaftsrecht gehört ein profundes Wissen um Familie und Paar als System, in dem Kommunikation und Interaktion zwischen den zum System gehörigen Personen das Mit- und Gegeneinander der beteiligten Personen, vor allem der Eltern - aber auch dritter Personen, die in das System eingreifen bzw. zu ihm gehören, etwa Großeltern und andere Verwandte -, wesentlich bestimmen. In der Familie - auch der Trennungsfamilie - sind die Struktur der Interaktionen, die Formen der Kommunikation und der Prozeß ihrer Veränderung von entscheidender Bedeutung.

Damit ist ein zweiter, mit dem ersten eng zusammengehöriger theoretischer Baustein benannt, das Verständnis von menschlicher Entwicklung als qualitative Veränderung, als produktiver Prozeß. Jeder Mensch - ohne Ausnahme - entwickelt sich bis ins hohe Alter hinein, und jedes soziale System ist mit der Veränderung der zu ihm gehörigen Menschen ebenfalls einer ständigen Entwicklung unterworfen. Familiäre Trennung erscheint in dieser Perspektive einerseits als Auseinanderdriften individueller Entwicklungsprozesse, die sich nicht länger miteinander vertragen, andererseits wird die Phase des Auseinandergehens als Chance für neue Entwicklungsschritte des einzelnen wie des familiären Systems erkennbar, die in anderer Weise und mit anderen Ergebnissen verlaufen werden, als bis dahin, aber grundsätzlich dem Trennungsvorgang immanent sind.

Für das Verstehen familiärer Trennungsprozesse sind weiterhin - der dritte theoretische Baustein - gründliche Kenntnisse der Psychodynamik der kindlichen Entwicklung ein weiterer wesentlicher Baustein. Diese Notwendigkeit ergibt sich zwangsläufig aus der Tatsache, daß die Kinder von der Trennung aus verschiedenen Gründen am härtesten betroffen sind, und daß die differenzierte Kenntnis von Ausmaß, Intensität und Formen ihres Leidens Voraussetzung einer psychologischen sachverständigen Tätigkeit ist. Ein häufig vernachlässigter vierter theoretischer Baustein, der aber viele “Knoten”, ja dramatische Phasen eines Trennungsprozesses erst verständlich machen kann, ist der dynamische Zusammenhang zwischen den materiellen Lebensgrundlagen der beteiligten Personen und ihren Gefühlen, Vorstellungen, ihrem Verhalten. Auch wenn PsychologInnen vordergründig mit den Geldangelegenheiten und materiellen Werten ihrer KlientInnen nichts zu schaffen haben, bestimmen sie allzu oft - Unterhalt, Versorgungsausgleich, Hausrat, gemeinsame Anschaffungen - die Trennungsdynamik und damit auch den Umgang der Erwachsenen mit den Kindern in der Trennungsphase nachhaltig.

Schließlich sind klare, pädagogisch und psychologisch begründete und dem Kenntnisstand psychologischer Wissenschaft angemessene Kenntnisse über elterliche Erziehungsstile, ihr Erziehungsverhalten und ihre Erziehungseinstellungen nötig, um sachverständig tätig sein zu können, also die Folgen der Trennung für Kinder einschätzen und im Sinne ihres Wohlergehens intervenieren zu können. Welches Ausmaß an kindlichem Leiden durch autoritäre Erziehung, die durchsetzt ist mit einer lockeren Beziehung zur körperlichen Züchtigung - dem berüchtigten “Klaps auf den Po” -, durch den Mißbrauch des Fernsehen als Babysitter oder die seelische Vernachlässigung von Kindern entsteht, kann jeder Sachverständige, der genau hinsieht, oft genug feststellen. Diese Kenntnisse über Erziehung dürfen nicht, wie in Gutachten häufig zu entdecken, verwechselt werden mit der Vorstellung, es sei Aufgabe von psychologischen oder pädagogischen Fachleuten, Agenten eines “corriger la fortune” in Bezug auf das soziale Umfeld der Kinder zu sein. Wichtig für die Zukunft von Kindern, für ihre Entwicklungschancen, sind sicherlich die materiellen Bedingungen, unter denen sie groß werden; sie sind es aber häufig nicht per se, sondern weil sie es den Eltern schwer machen, sich in einer Weise und in einem Ausmaß um ihre Kinder zu kümmern, die notwendig wäre. So wie materieller Überfluß keine Garantie für eine Erziehung im Sinne des Kindeswohls ist, also die Entwicklung einer autonomen, selbstbewußten, offenen und kritischen Persönlichkeit, so sind schlechte materielle Bedingungen ihr nicht an sich hinderlich. Entscheidend ist, den Eltern zu vermitteln, welche Bedingungen für eine möglichst optimale Entwicklung von Kindern nötig sind, und daß die materiellen nicht die entscheidenden sind. Ein “schweres” Leben ist auch eines, das Lebensklugheit und soziale Intelligenz vermitteln kann.

2.1.2 Trennungsdynamik

Sachverständige haben mit Menschen zu tun, die sich in einer der schwierigsten Krisensituationen befinden, die es für Menschen geben kann. Trennungen sind ein kritisches Lebensereignis mit all den Folgen für das eigene Fühlen und Handeln, die mit solchen Erfahrungen verbunden sind. Um zu verstehen, welche Bedingungen er vorfindet, muß der Sachverständige um den Trennungsprozeß wissen, er muß einen geschulten und wissenden Einblick in ihn haben. Es gibt wenig psychologische Literatur zum Thema Trennung, die über populärwissenschaftliche Einlassungen hinausreicht. Aus der psychoanalytischen Literatur ragt die Arbeit von Caruso hervor (1974).

Um mit der Trennungssituation, mit den sich Trennenden, in einer Weise umgehen zu können, die über bestehende Konflikte zwischen ihnen und ihre zugehörigen Gefühle nicht hinwegsieht, sondern sie als einen wesentlichen Bestandteil der Situation betrachtet, in die Sachverständige sich begeben müssen, benötigen sie von den Eltern Informationen über die Scheidungsvorgeschichte. Sie bekommen auf diesem Wege einen Einblick in die bestehende Konfliktlage und ihre Entstehung - manchmal über viele Jahre hinweg - und in die Kommunikationsstile, die das Mit- oder Gegeneinander der Partner bestimmen. Weil sie die verschiedenen Konfliktebenen und ihr Zusammenspiel kennen müssen, weil sie wissen müssen, in welchem Ausmaß die vergangenen Erfahrungen miteinander die gegenwärtigen Auseinandersetzung im Zuge der Trennung beeinflussen und beeinträchtigen, muß ihnen bekannt sein, daß Trennung der Verlust von Hoffnungen ist, die die Partner anfangs ineinander gesetzt haben, von Lebenserwartungen  und existentiellen Wünschen, die enttäuscht worden sind. Trennung ist Abschied von einer geplanten Zukunft, an die viele Gefühle, viele Erwartungen gekoppelt waren, was ihn so schwer macht. Partner in Trennung sind oft von einer seelischen Blindheit erfaßt, die nichts mit vordergründiger Aggressivität zu tun hat, sondern mit der Tiefe ihrer enttäuschten Gefühle.

In der Komplexität dieser Trennungsdynamik können Sachverständige sich nur zurechtfinden, wenn sie einen gründlichen Einblick in die seelische Dynamik der sich Trennenden haben, wenn sie um die Grenzen wissen, die Verletztheiten, Schmerzen und erlittene Kränkungen ihrer Einsichtsfähigkeit und ihrem Handlungsraum setzen, aber auch um die Möglichkeiten der Veränderung, der Reflexion, der Verarbeitung, die neue Einsichten und neue Handlungsräume öffnen können. Wenn der Sachverständige weiß, daß die Beendigung einer Partnerschaft zwangsläufig zu seelischen Irritationen, zu Spannungen zwischen den Eltern, zu aggressiven Auseinandersetzungen führt, für die Streitereien um Unterhalt und materielle Güter oft Anlaß sind, sie zum Ausdruck zu bringen und sie zu verschärfen, und wenn ihm die seelischen Hintergründe dieser oft feindseligen Attacken gegeneinander verständlich und nachvollziehbar sind, kann er sie in seine Arbeit einbinden und bei seinen sachverständigen Bemühungen berücksichtigen.

Vor allem die Auswirkungen der partnerschaftlichen Konflikte für die Elternschaft sind für die sachverständige Tätigkeit von hervorragender Bedeutung, weil sie im Trennungsprozeß zu Vorbehalten auch gegen den anderen Elternteil führen. Die Aggressivität, die ein Partner gegen den anderen hegt, führt zu Mißtrauen, Abwertung, Abwehr gegenüber demjenigen, der in seiner Rolle als Vater oder Mutter für die kindliche Entwicklung nicht weniger wichtig ist, als er selbst. Hinter den Streitereien um die Kinder verbergen sich - in mehr oder weniger großem Ausmaß - die partnerschaftlichen Differenzen. Um sie auszutragen, werden die Kinder als Kampfmittel gegen den anderen Elternteil benutzt, sie werden - mehr oder weniger massiv oder subtil - gegen ihn beeinflußt und als Verbündete für die eigene Position mißbraucht. Oft genug reicht der Mißbrauch weiter: Kinder müssen in Trennungsstreitigkeiten als Partnerersatz fungieren, mit dem jeder anwaltliche oder gerichtliche Schriftverkehr besprochen, dem alle Sorgen und Nöte aufgebürdet, der zu Rate gezogen wird für Überlegungen zum Vorgehen gegen den anderen Elternteil.

Nur Kenntnisse über diese - und viele andere -Bestandteile der Trennungsdynamik, über ihre Komplexität und ihre vielfältigen Facetten, über die Phasen ihres Verlaufs und über ihre Auswirkungen auf die Kinder, machen es dem Sachverständigen möglich, sich ihr fachlich kompetent zu stellen, von ihr nicht überrollt oder verwirrt oder gefangengenommen zu werden und sie als von ihm handhabbares Mittel seiner psychologischen Untersuchungen zu nutzen.

2.1.3 Folgen für die Kinder

Last not least die Kinder - eine detaillierte Kenntnis ihrer Position im Trennungsgeschehen und der Folgen für sie ist als theoretische Basis für lösungs- und handlungsorientierte Sachverständige unverzichtbar. In konfliktreichen familiären Trennungssituationen sind in aller Regel die Kinder die eigentlich Leidtragenden, in doppelter Weise. Zum einen bricht mit der Trennung ihrer Eltern für sie ein Lebensrahmen zusammen, der für sie lebenswichtig ist und dessen Verlust sie nie wirklich überwinden; da vor allem kleinere Kinder nicht verstehen, was vor sich geht, ihre Eltern ihnen in den meisten Fällen auch keine Erklärungen oder sehr unvollständige oder einseitige oder für Kinder unverständliche geben, sie keine Worte für das Unbegreifliche haben, weder für die Trennung noch für ihre eigenen Gefühle, ist ihr Leidensprozeß besonders intensiv und weitreichend.

Über die Situation von Kindern bei familiärer Trennung ist viel geschrieben worden, jeder Psychologe, auch jeder Richter, könnte detaillierte und differenzierte Kenntnis ihrer Lage und ihrer Befindlichkeit haben. Bedauerlicherweise finden sich in vielen Gutachten weder Hinweise auf das kindliche Erleben und die kindliche Psychodynamit in der Trennungssituation, noch werden sie in der sachverständigen Untersuchungsarbeit berücksichtigt oder gar zum ihrem vorrangigen Thema gemacht. Nicht weniger bedenklich erscheint die Tatsache, daß auch langjährig tätige Richter oft den Eindruck vermitteln, als hörten sie in irgendeiner Verhandlung erstmals über kindliches Leiden durch die Trennungserfahrungen. Deshalb soll der Einblick in das kindliche Erleben, um das der Sachverständige wissen muß, in seinen wichtigsten Anteilen noch einmal skizziert werden.

 

Kinder geraten durch die Trennung  ihrer Eltern, wenn sie denn strittig verläuft, in unerträgliche Loyalitätskonflikte, weil sie beide Eltern lieben und sich nicht auf eine Seite schlagen wollen und können. Nur unter Druck oder Angst “entscheiden” sie sich, was Druck und Angst verstärkt. Ein Standardsatz von Trennungskindern lautet “ich kann mich doch nicht in der Mitte durchteilen”, der Wunsch und Verzweiflung zugleich ausdrückt: Den Wunsch, beide Eltern zu haben und beiden gerecht zu werden, und die Verzweiflung darüber, daß letztlich, wenn ein Elternteil nicht nachgibt oder beide ihren Streit nicht beilegen, eine Entscheidung für einen oft die seelisch erträglichere Lösung ist. Die Ängste vor dem endgültigen Verlust der Eltern sind so stark, daß es für Kinder oft leichter ist, auf einen zu verzichten, um den anderen ganz zu haben, als die Auseinandersetzungen zwischen den Eltern zu ertragen. Wer solche Verhaltensweisen oder Äußerungen von Kindern wie Zeugenaussagen behandelt, ihnen “Wahrheitsgehalt” zuerkennt, hat ihre verzweifelte und den eigentlichen kindlichen Wünschen zuwiderlaufende Psychologik nicht verstanden.

 

Die innere Zerrissenheit, die das Hin- und Hergerissensein zwischen den Eltern bewirkt, führt bei vielen Trennungskindern zu einem auffälligen Selbstwertverlust, der dadurch zu erklären ist, daß sie einen Teil ihrer Identität verloren haben, gleich in dreifacher Weise: Die Familie, über die sie sich zum Teil definiert, ist verlorengegangen, die Eltern als Paar, deren Gemeinsamkeiten und Widersprüche die kindliche Identität prägen, stehen nicht mehr zur Verfügung, und schließlich geht mit einem Elternteil, zu dem der Kontakt entweder erheblich reduziert ist oder ganz verlorengeht, ein entscheidendes Identifizierungsobjekt verlustig. Erschwerend für den Selbstwert und die kindliche Identität wirkt sich aus, daß Kinder sich an den Trennungsereignissen schuldig fühlen, weil sie spüren und zumeist wissen, daß es Streit um sie gibt, was sie - vor allem, wenn ihre Realitätswahrnehmung geprägt ist von ihrem magischen Denken im Kleinkindalter, vom “Primärprinzip”, wie Freud sagt -, darauf zurückführen, daß sie selbst etwas falsch machen müssen. Diese Ahnung oder Befürchtung, worin denn das eigene Fehlverhalten oder Versagen bestehen könnte, läßt Kinder an sich selbst zweifeln und das Vertrauen in sich selbst verlieren.

 

Die Trennung der Eltern bedeutet für ihre Kinder, daß die frühesten Objektbindungserfahrungen, die für die Entwicklung von Selbstbewußtsein, Vertrauen in die Umwelt und die Sicherheit sozialer Beziehungen wichtig sind, beeinträchtigt werden. In der psychotherapeutischen Arbeit wird bei Erwachsenen Jahrzehnte später ein gestörtes Urvertrauen erkennbar, eine ausgeprägte Liebesverlust- und Trennungsangst, die in der Trennungserfahrung in der Kindheit ihre Wurzeln hat.

 

Sachverständige müssen wissen, diese Gewißheit muß an ihrer Arbeit mit der Trennungsfamilie wie ein Magnet haften, daß Kinder gerade in der Trennungssituation vertraute Gesprächspartner, mit denen sie über ihre Ängste und Zwiespälte reden können, also eigentlich besonders aufmerksame und interessierte Eltern, benötigen. Fehlen diese ihnen, haben sie nicht ausreichende Gelegenheit, über ihre seelischen Nöte zu reden, ist niemand da, der sie zu verstehen versucht, bleibt nur die unbewußte Konfliktverarbeitung. Die Irritation der seelischen Dynamik, die durch sie hervorgerufen wird, setzt sich oft schon im Kindesalter, häufig in späteren Lebensphasen, in neurotischen Symptomen fest, die der therapeutischen Intervention deshalb so schwer zugänglich sind und ihr so viel Widerstand entgegensetzen, weil der frühe Zeitpunkt ihrer Entstehung zu einer fast perfekten Verdrängung geführt hat.

Erkennbar wird der Zusammenbruch der seelischen Abwehr für den aufmerksamen Beobachter daran, daß die Kinder, trotz fortbestehender Spannungen und Konflikte zwischen den Eltern, äußerlich ruhig werden, scheinbar reaktionslos die Auseinandersetzungen über sich ergehen lassen und den Eindruck vermitteln, nun hätten sie sich innerlich gegen die Auswirkungen der elterlichen Feindseligkeiten gewappnet, nun könnten sie ihnen nichts mehr anhaben: “Mein Kind zeigt solche Reaktionen nicht”, ist denn auch oft genug von Eltern zu hören. Sie übersehen, daß der äußerlichen Gelassenheit oder Desinteressiertheit ein innerlicher Schrei nach Hilfe korrespondiert, der, wenn nicht erhört, nur noch dadurch vom Kind selbst beantwortet werden kann, daß es seine Gefühle zu verleugnen beginnt, weil die Hoffnung, daß sie von den Eltern erhört werden, sich zerschlagen hat. Die äußere Gleichgültigkeit ist Ausdruck eines inneren Kontaktabbruchs meistens zu einem Elternteil, manchmal zu beiden. Auf diese Weise entsteht eine oft scheinbar unerklärliche Parteinahme für einen Elternteil, hinter der das ganze Ausmaß von kindlicher Angst, von Hilflosigkeit gegenüber den Eltern, von Enttäuschung über ihr Verhalten sich verbirgt. Die Ohnmachtsgefühle, die sich im kindlichen Empfinden ausbreiten, münden in eine Lethargie, die nach außen als unbeeindrucktes Reagieren wirkt, die sich häufig zu Resignation verdichtet bis hin zu Hospitalisierungserscheinungen, wie sie von Erikson (1959) beschrieben worden sind.

Dieser Gefühlskomplex ist die eine Seite des kindlichen Erlebens unter den Bedingungen einer Trennung, bei der die Eltern vergessen haben, welchen Beistand sie ihren Kindern leisten müßten. Die Ambivalenz der seelischen Dynamik läßt genügend Raum - sie verlangt ihn aus Gründen der Überlebensnotwendigkeit, für die das Kind selbst sorgen muß -, für eine ganz andere Seite des seelischen Geschehens. Den Rückzug in die innere Einsamkeit begleitet eine unstillbare Sehnsucht nach Familie, nach ihrer Wiederbelebung, die in den Kindern fortlebt, oft bis ins hohe Erwachsenenalter. Der Wunsch, beide Eltern zu behalten, trotz Trennung einen möglichst intensiven, beständigen Kontakt zu beiden zu haben, bleibt, wie immer Besuchsregelungen aussehen, in ihnen bestehen. Kinder wollen, nicht zuletzt, um ihre Wünsche erfüllt zu bekommen oder wenigstens Gelegenheit zu haben, sie zu äußern, in der Trennungssituation ernstgenommen, in den Prozeß der Trennung einbezogen werden, sie wollen beteiligt sein an dem, was mit ihnen geschieht.

Die äußerlich signifikanten Reaktionen von Kindern auf die Trennungserfahrung sind hinreichend bekannt: Diverse Verhaltensaufälligkeiten als Demonstration der inneren Verwirrtheit und Vernachlässigung, psychische Angepaßtheit als Folge von Angst und elterlichem Druck, Nachlasen von Schulleistungen, weil die inneren Räume durch die innere Trennungsdynamik besetzt oder verstellt sind, Störung der sozialen Beziehung später, aber auch schon in der peer-group wegen Selbstwertproblemen oder sozialer Lernprozesse am Beispiel der Eltern, die es Kindern schwer machen, soziale Regeln zu akzeptieren. Abweichendes und delinquentes Verhalten sind nicht selten. Auch wenn diese Auffälligkeiten nicht trennungsspezifisch sind - es gibt kaum kindliche Reaktionen, die sich eindeutig auf ganz bestimmte Erfahrungen beziehen lassen -, so lassen sie sich doch in der Untersuchung der Geschichte und des Verlaufs einer familiären Trennung auf die in ihr vorherrschenden Bedingungen zurückführen.

In einem jüngst erschienenen Sammelreferat zu den Auswirkungen von Trennung und Scheidung auf die betroffenen Kinder wird zusammenfassend festgehalten, daß die ausgewerteten Klinischen Studien gravierendere Folgen aufführen als die soziologischen. Dieses Ergebnis unterstreicht die Stärke der kindlichen Reaktionen in Abhängigkeit von der Stärke der elterlichen Konflikte, denn die besonders gravierenden Trennungs- und Scheidungsfolgen bei Kindern werden klinisch bekannt und demonstrieren, in welcher Intensität Kinder unter ihren Eltern leiden, wenn diese nicht in der Lage sind, ihren konflikthaften Umgang gegeneinander im Interesse ihrer Kinder beizulegen (Riehl-Emde, 1992).

In der wissenschaftlichen Literatur ist auch von positiven Auswirkungen der Trennung der Eltern auf die Kinder die Rede (Riehl-Emde, aaO.; Figdor, 1998). Nicht neu ist die Erfahrung, daß Kinder, wenn ihre Eltern sich entschließen können, gemeinsame Elternverantwortung zu übernehmen, und neue Partner in das Leben der Elternteile treten, die Kinder diese als eine Bereicherung ihres Lebens betrachten, jedenfalls wenn die neuen Bezugspersonen nicht als neue Eltern die alten verdrängen wollen, sondern sich als Freunde den Kindern anbieten. Gewarnt werden muß aber vor einem Schlenker in der Deutung kindlicher Reaktionen derart, daß alles doch nicht so schlimm sei: Genießen und profitieren können Kinder, wenn es sich eine von vornherein belastungsarme Trennung handelt oder wenn sie, auf welche Weise immer, so geworden ist.

Seitenaufrufe: 125

Kommentar

Sie müssen Mitglied von kind24.co.at sein, um Kommentare hinzuzufügen!

Mitglied werden kind24.co.at

© 2021   Erstellt von Bürgerinitiative Kinderrechte.   Powered by

Badges  |  Ein Problem melden  |  Nutzungsbedingungen